Feuilleton

«Ich fand schon immer, dass das Leben eines Künstlers das schwerste von allen ist. Die große Herausforderung, die für den externen Beobachter nicht immer erkennbar ist, besteht für den Künstler darin, ins Ungewisse steuern zu müssen, sich dabei nur auf seinen inneren Orientierungssinn verlassen zu können, sich an Richtlinien zu halten, die einzig und allein er selbst sich auferlegt, und bei alldem unerschütterlich an seinem Glauben festzuhalten, dass die Aufgabe, die er sich vorgenommen hat, all die Mühe wirklich wert ist. All dies widerspricht der Vorstellung vom lockeren Leben eines Bohemiens.»

Lucian Freud, britischer Maler

Lindenhof Bern, 2017

Lindenhof Spital Bern Skulptur von David Werthmüller

Weshalb steht deine Skulptur im Eingang des Lindenhofspitals Bern?

Das ist eine sehr lange und eine kurze Geschichte. Angefangen hat alles vor ca. 40’000 Jahren. Vielleicht zuerst die kurze Geschichte? Nun das ist wirklich schnell erzählt. Die Präsidentin der Kunstkommission entdeckte meine Werke im Internet. Daraufhin besuchte Sie mich in meinem Atelier in Fräschels. Ich zeigte Ihr meine Arbeiten, gewährte ihr Einblicke in meine spezielle Machart und erzählte von meinem Werdegang, meiner Motivation, meinen Wünschen und Hoffnungen in Sachen Skulptur. Der Rest ergab sich aus der Wirkung die dieses Treffen offensichtlich zu entfalten vermochte.

Was bedeutet es für dich persönlich nun in diesem Spital präsent zu sein?

Natürlich freue ich mich sehr über diesen Ankauf. Schliesslich lebe ich von meiner Arbeit. Viel wichtiger ist für mich aber die mir entgegengebrachte Wertschätzung und die Möglichkeit einer Vielzahl von Menschen die hier täglich vorbeigehen eine kleine Auszeit zu ermöglichen. Wenn man von Kunst berührt wird, tritt, wenn auch nur für kurze Zeit, alles Andere in den Hintergrund. Und gerade in einem Spital dürfte dieser Umstand besonders willkommen sein. Abgesehen davon spielt der Ort wo eine Skulptur steht nicht so eine grosse Rolle. Die Menschen die das Glück haben über feine Antennen zu verfügen, entdecken ‚ihre Skulpturen‘ überall. Wie oft habe ich schon beobachtet, dass Werke in bestem Licht und an prominentester Lage von der grossen Mehrheit einfach ignoriert werden. Vermutlich werden uns in der heutigen Zeit einfach zu viele Aufmerksamkeitsmomente zugemutet. Andererseits glaube ich, dass ein Ort den Menschen sensibilisieren und seine Wahrnehmung schärfen kann. Er ist dann aus den verschiedensten Gründen für die Stille und sein eigentliches Dasein durchaus empfänglich. So gehe ich persönlich auf unseren Reisen gerne in Kirchen. Diese Orte erlauben mir ungestört das Wesen und die Kraft einer Skulptur oder eines Reliefs auf mich wirken zu lassen.

Dein Werk trägt den Titel Venusfigurine. Was hat es damit für eine Bewandtnis?

Das Thema der stehenden weiblichen Skulptur ist nach heutigem Stand der Forschung ca. 40’000 Jahre alt. Mich fasziniert der Gedanke, dass der *KünstlerKünstlerIn von damals vor den gleichen Herausforderungen stand wie ich heute. Ich bewege mich also in einer uralten Tradition. Es sind die selben Fragen die mich mit dem Menschen von damals verbinden. Es geht um die Darstellung menschlicher Existenz schlechthin. Die ursprüngliche Funktion, wenn sie den eine hatte, ist reine Spekulation. So kann mich sich von Fruchtbarkeitssymbolen, hin zu religiösen, spirituellen Kultgegenstände bis zu steinzeitlichen Kinderspielzeug eigentlich viele Variationen vorstellen. Man weiss es einfach nicht. Auf diesem Weg scheint man also in eine Sackgasse geraten zu sein. Interessant wird es, wenn man die Fundorte untersucht und sich Gedanken über die Herstellung dieser Venusfigurinen macht. Aus Analysen des Steins, des Tons oder des Elfenbeins erkannte man, dass Herkunftsort und Fundort manchmal mehr als tausend Kilometer auseinander lagen. Also wurden sie vom damaligen Menschen auf ihren Wanderungen mitgetragen. Dieser Umstand wirft doch die Frage auf, ob diese Verschiebung auf einmal, oder während Generationen erfolgte. Ausserdem liefert dies doch eine nicht zu unterschätzendes Moment der Achtsamkeit mit sich? Jeder der reist weiss, dass Dinge kaputt gehen. Also müssen diese Venusfigurinen mit grosser Sorgfalt behandelt worden sein. Sagt dies etwas über ihren damaligen Wert aus? Noch spannender ist ihre Herstellung. Damit meine ich nicht die handwerklichen Fähigkeiten. Sondern den Status des *Schöpfers der Schöpferin in der Gemeinschaft. Man muss sich vorstellen, dass das Leben zu jener Zeit sehr hart und fragil war. Ein täglicher Kampf um das Überleben. Die Versorgung mit Nahrung stand an erster Stelle. Der Ackerbau war noch längst nicht erfunden. Die gemeinsame Jagd und das Sammeln von essbaren Wurzeln, Beeren etc. hat wohl den ganzen Tag gedauert. Wann also war den die Zeit da zum Skulpturen machen? Es liegt auf der Hand, dass dies nur mit einer Art Aufgabenteilung möglich war. So glaube ich fest daran, dass dem fähigen und begabten frühsteinzeitlichen *Künstler KünstlerInnen ein Sonderstatus zustand. Quasi Kunst im Tausch gegen Essen, Kleidung und Sicherheit. Jeder tat das was er am besten konnte. Eigentlich genau wie heutzutage? Schön wärs. Das Klischee des Kunstschaffenden der bis spät in die Nacht feiert, morgens nicht aus den Federn kommt und nachmittags ruckzuck von der Muse geküsst wird hält sich hartnäckig in den Köpfen meiner Zeitgenossen. Oft wird das was ich tue nicht als Arbeit angesehen. Schliesslich bin ich ja frei und kann tun und lassen wann und wie ich es will.

Wie sieht den dein Künstleralltag aus?

Ich stehe zwischen 5 und 6 Uhr auf. Mit viel Kaffee setze ich mich nach draussen vors Atelier und werde mit dem Tag zusammen wach. Ich mag diese Zeit besonders. Meine Gedanken sind dann am freiesten. Dann erledige ich den Bürokram, oder verschiebe ihn wie so oft zugunsten einer kleinen Skizze. Ich zeichne leidenschaftlich gerne und würde gerne noch mehr zeichnen. Doch die Arbeit an der Skulptur braucht viel Zeit. Also wende ich mich meinem aktuellen Projekt zu. So ab 8:00 Uhr beginne ich dann mit den Gasflaschen zu hantieren und zünde meinen Schweissbrenner. So schweisse ich dann bis Mittags, esse meist im Stehen und lege mich für eine Siesta im Atelier aufs Ohr. Spätestens ab 14:00 Uhr geht es mit viel Kaffee wieder los. Schweissen, leere Gasflaschen austauschen, den Hühnern das z’Vieri bringen, Besucher empfangen, Skulpturen ausliefern etc.

Du betonst immer wieder, dass es sich bei deinen Werken um Unikate handelt. Ist das nicht immer so?

Ja und Nein. Der Begriff Unikate wird, wie ich finde, mittlerweile etwas weit ausgelegt. Bescheiden gesagt sind die Oberflächen meiner Skulpturen so raffiniert, dass man zuerst an eine in Bronze gegossene Figur denkt. Und diese Verwechslung muss ich immer wieder aus dem Weg räumen. Alles andere würde nämlich meinem Energie- und arbeitsintensiven Weg nicht gerecht werden. Normalerweise arbeitet man in Ton oder Gips und lässt das Objekt dann in der Fabrik giessen. Und wenn man nicht nach der verlorenen Form arbeitet, kann man sich dann gleich eine kleine Auflage bestellen. Das ist wohl viel praktischer, kommt jedoch für mich nicht in Frage. Deshalb ist es mir wichtig, dass ich alleine von Anfang bis zum Schluss der einzige und wahre Schöpfer meiner Werke bin und bleibe.

Interview, S. Oleson, September 2017

* Nachtrag vom 26.Januar 2018 / Neueste Forschungen zeigen, dass die frühsteinzeitlichen Geschlechterrollen komplett neu geschrieben werden müssen. Zum Nachhören hier der Link zum Sendungsbeitrag.

SWR2 Wissen | Freitag, 26. Januar 2017

Der Sammler und die Jägerin.

Geschlechterbilder in der Steinzeit von Anette Selg. Steinzeitmänner gingen auf die Jagd, ihre Frauen hüteten das heimische Feuer und die Kinder. Stimmt nicht: Seit dem Einzug der Geschlechterforschung in die Archäologie stehen unsere Vorstellungen vom Leben in der Frühzeit auf dem Prüfstand. Denn, das belegen neuartige Untersuchungsmethoden: Nicht jedes Grab, in dem sich Waffen befinden, enthielt einen männlichen Toten. Schmuck oder Perlen als Grabbeigaben verweisen nicht automatisch auf ein Frauengrab. Den Weg in die Öffentlichkeit finden diese veränderten Geschlechtervorstellungen nur langsam. Über den Umbruch in der Archäologie und den Einfluss der aktuellen Forschungen auf unser heutiges Zusammenleben. (Produktion 2016)


Stadthaus Unterseen, 2016

Welche Vielfalt an künstlerischem Schaffen innerhalb einer Familie entstehen kann, ist ab Samstag in der Dachstock-Galerie im Stadthaus zu sehen. Die beiden Brüderpaare David und Stefan Werthmüller und Kurt und Herbert Siegenthaler stellen ihre Bilder und Skulpturen aus. Vier Brüder, vier Künstler. In der Dachstock-Galerie wechseln sich derzeit krasse Farben und poppige Schriftzüge mit sanften Naturtönen auf collagierten Papierschnipseln, dezente Farbsilhouetten auf Leinwand und einzigartigen Eisenskulpturen ab. Die Brüder David und Stefan Werthmüller und Kurt und Herbert Siegenthaler begeben sich auf ein besonderes Wagnis. Denn die Kunst des einen hat an sich nichts mit jener des anderen zu tun. «Die Voraussetzung einer gemeinsamen Ausstellung ist sicherlich, dass einem die Werke des anderen gefallen. Diese Konstellation hier ist durchaus gewollt», so der Oberstockener Maler Herbert Siegenthaler. Es ist nicht das erste Mal, dass das Brüderpaar David und Stefan Werthmüller unter einem Dach ausstellen. Diesmal ist auch Davids Meisterschülerin und Tochter Jane Steel dabei. Der Kunst der Brüder gemeinsam ist die Liebe für weibliche Figuren. David schmelzt sie Schicht für Schicht mit dem Schweissbrenner aus Eisen zur Skulptur, Stefan wiederum malt sie mit dem Pinsel in sanften Tönen auf Leinwand als Porträt. Die einen begegnen dem Betrachter schlicht, grazil und schön, mit einer standfesten Präsenz und einzigartigem Charakter, eisernen Ladys gleich; die anderen verschwinden fast auf der Leinwand, wie Schatten, hier und dort nur als Silhouette angetönt in Farbe aufgelöst und doch anmutend lebendig, mit magischer Anziehungskraft. Die Werke der beiden Werthmüller-Brüder konkurrenzieren sich nicht. Vielmehr ergänzen sie sich in ihrer Verschiedenartigkeit und bilden eine Symbiose. Die Eisenplastiken scheinen den Ölgemälden und Zeichnungen Halt zu geben, während diese wiederum den geschweissten Figurinen eine luftige Aura verleihen. Auch die Malerei der Thuner Brüder Kurt und Herbert Siegenthaler könnte verschiedener nicht sein. Herbert haucht alten Plattencovern neues Leben ein, kopiert und übermalt sie, arrangiert sie neu und gibt ihnen mit frechen Sprüche und Schriftzügen Bedeutung. Kurt aber collagiert streng angeordnete Landschaften, Papierschicht um Papierschicht, manchmal auch rein zufällig, aber immer auf der Suche nach Harmonie und wohl auch deshalb in Naturtönen mit beruhigender Wirkung. Kurt hofft, dass der Betrachter einen eigenen Weg findet, seine Bilder zu durchwandern. Herbert präsentiert seinem Publikum die Message quasi auf dem Plattenteller, in Form von Sprüchen und Zitaten – erfundenen, abgeschriebenen oder aufgeschnappten – kurze Lebensweisheiten, die zum Nachdenken, doch viel mehr zum Schmunzeln anregen. Zwei Brüder, zwei Stile. Das sei auch gut so. Kunst müsse eigensinnig sein, sonst werde es langweilig, sind sich Siegenthalers im Wortlaut einig.

Siegenthaler und Werthmüller

Die Bilder und Skulpturen der zwei Brüderpaare sind bis zum 12. Juni in Unterseen zu sehen. Vernissage: Samstag, 28. Mai, 17.00 Uhr Öffnungszeiten während der Ausstellung: Freitag, 17.00 bis 19.00 Uhr Samstag und Sonntag, jeweils 14.00 bis 17.00 Uhr Dachstock Stadthaus Untere Gasse 2 3800 Unterseen/Interlaken 

www.kunstsammlung-unterseen.ch 

Link zum Original-Artikel in der Jungfrau Zeitung.

2016 © Jungfrauzeitung, Nora Devenish


Kunstverein Wangen an der Aare, 2016

Zwei Brüder, zwei Künstler, zwei Begabungen, ein Faible für Frauenkörper. Mit dieser Überschrift auf der Einladung zur gegenwärtigen Ausstellung der Städtli Galerie im Gemeindehaus in Wangen an der Aare mit dem Bruderpaar Stefan und David Werthmüller lud der Kunstverein zur Vernissage kürzlich ein. Dieser Einladung folgte eine grosse Schar Kunstinteressierter. Die Malerei von Stefan Werthmüller zeugt von einem sinnlich verspielten Schaffen. Der seit 1996 freischaffende Maler und Zeichner besitzt ein eigenes Atelier in Thun. Seine teils grossformatigen Bilder zeigen Figuren umgeben von Landschaften. Figurative Perfektion mit in sich verschmelzenden Farben faszinieren und bringen den Betrachter ins Staunen. Der Künstler experimentiert mit Farb- und Formgebung, sodass die Grenzen zwischen Zeichnung und Oelgemälde zerfliessen, sodass alles vieldeutig und geheimnisvoll erscheint. David Werthmüller präsentiert sich als Skulpteur. Bei seiner persönlichen Vorstellung wies er auf seinen Gasbrenner hin, welcher das Eisen schmelzen lässt, und wie er die flüssige Masse Schicht um Schicht aufträgt, bis das Werk seiner Vorstellung vollendet ist. Diese Art der Gestaltung sei aufwendig aber auch einzigartig. Die zu betrachtenden Eisenskulpturen von David Wertmüller, vorwiegend Frauenkörper, wirken geschmeidig und anmutig.

Alfons Schaller, Neue Oberaargauer Zeitung

(gekürzte Fassung)


Der Vater, die Tochter und das schwere Metall, 2016

Ateliergemeinschaft mit der Tochter

Jeannine Fankhauser hat eine schwere Stange aus Stahl in der linken und einen Schweissbrenner in der rechten Hand. Die fast 3000 Grad Celsius heisse Flamme aus einem Acetylen-Sauerstoff-Gemisch bringt das Metall zum Schmelzen. Den flüssigen Stahl bringt Fankhauser, sie arbeitet unter dem Künstlernamen Jean Steel, auf eine entstehende Skulptur, einen Frauentorso, auf. Ihr gegenüber steht ihr Vater David Werthmüller. Der Fräscheler Künstler hat seine Tochter auf seinem Beruf ausgebildet. Die ersten Vorarbeiten für die Skulptur nahm Fankhauser im Dezember auf. Spätestens im Mai soll sie ausgestellt werden. Der Stahl werde rosten, sagt Werthmüller, wenn er dereinst draussen aufgestellt werde. «Das ist Patina», sagt er. Das hochwertige Metall werde aber nicht wie eine alte Autotüre durchrosten, «es wird noch Generationen überleben». Wie das Endprodukt aussehen werde und wie figürlich es sein werde, wisse er nicht, sagt Werthmüller, «es wird aber sicher eine wilde Sache». Das Objekt entwickle sich, zum Beispiel auch abhängig von der Tagesform und davon, wie sie vorwärtskommen. Er werde das Objekt mal im Garten ausstellen, und dann schaue er weiter.Ein Blick in ihren Showroom zeigt: Torsos und Porträts aus dunklem, poliertem Metall beherrschen den Raum. «Skulpturen aus Metall sind zum Be-Greifen da», betont Werthmüller. Deshalb müsse er scharfe Ecken und Kanten wegschleifen, damit man schadlos darüberfahren kann. Die Palette ihrer künstlerischen Möglichkeiten ist gross. Zeichnungen an der Wand zeugen von den anderen künstlerischen Fähigkeiten von David Werthmüller. Einige wenige Objekte sind von seiner Tochter. Eisenplastikerin, ein Kunsthandwerk ohne anerkannte Lehre. Ihr Weg sei nicht vorgezeichnet gewesen, erinnert sich Jeannine Fankhauser. Mit 13 sei Werthmüller Teil ihrer Familie geworden. «Sie hat mich ausgewählt», sagt Werthmüller lächelnd, und sie erklärt: «Als er uns das erste Mal besuchte, sagte ich: ‹Von mir aus kann er das Zahnbürsteli hier lassen.» Sie sei ohne Vater aufgewachsen, und plötzlich hatte sie einen–wenn es auch nicht der leibliche war. «Er ist unglaublich toll. Er lehrt mich so vieles, zum Beispiel Töfffahren oder Schweissen. Es ist schön, jemanden zu haben, der einem etwas beibringt und daran Freude hat.» Sie, Jahrgang 1989, als Kind sehr kreativ, Abgängerin der Rudolf-Steiner-Schule, liess sich erst zur Kosmetikerin ausbilden. Sie habe ihm schon damals bei Ausstellungen ausgeholfen, die eine oder andere Vorarbeit geleistet. «Ich bin mit dieser Arbeit aufgewachsen.» Sie schätze die Freiheit, die ihr das Kunsthandwerk ermögliche. Ihr Vater greife nur ein, wenn die Sicherheit tangiert werde. «Es ist wichtig, dass man etwas macht, was einem Freude bereitet.» Niemand schreibe ihr vor, was sie zu tun habe. «Ich kann meine Fantasien in die Realität umsetzen und andere daran teilhaben lassen.» Irgendwann sei aus dem Hobby eine Tätigkeit geworden, sagt Fankhauser. Sie folgten einer Tradition: «Es ist wie früher: Das Wissen des Vaters geht an die nächste Generation über.» Meistens zwar an den Sohn, in ihrem Fall halt an die Tochter. «Es ist mehr eine Vater-Sohn-Beziehung zwischen uns», sinniert sie. Streit hätten sie seit ihrer Teenagerzeit kaum, sie könnten sich auf die gemeinsame Arbeit konzentrieren. Sie seien zwar familiär verbunden, doch nicht ganz so eng, als dass starke Emotionen im Wege stünden. Werthmüller erinnert sich: «Ich ging früher davon aus, dass ich mein Wissen ins Grab mitnehmen werde.» Er mochte keine Angestellten haben und dachte schon gar nicht an eine Schülerin. Es ergab sich, dass aus vereinzelten Hilfeleistungen der Tochter immer mehr wurde. «Da habe ich gemerkt: Dieses Mädchen kann man brauchen.» Sie erwies sich als handwerklich geschickt, und vieles, was er nicht allein machen konnte, haben sie zusammen gemacht. «Sie hat weder Angst vor dem Feuer noch vor der harten Arbeit. Ich wusste: Sie hat Talent.» Der Schritt dazu, sie offiziell als Schülerin anzunehmen, war dann nicht mehr so gross. «Ausser ihm weiss nur ich, wie das Ganze funktioniert», sagt sie. 2015 nahm sie erstmals mit einem eigenen Objekt an einer Ausstellung in Bern teil. Es wurde sofort gekauft. Die Zusammenarbeit sei eine Vertrauensfrage, so Werthmüller. Sie hantierten gemeinsam mit Flammen, «man muss Sorge tragen zueinander». Nun hat er, der früher als Künstler ein Einzelgänger war, eine Partnerin, die ihn berät, ihm den Spiegel vorhält und ihn auf neue Ideen bringt. «Das ist spannend. Ich bin manchmal in meinem eigenen Film drin. Sie beobachtet und bringt mich auf neue Wege.» So habe er ihre Idee aufgenommen, Skulpturen zum Aufhängen zu produzieren. Die Arbeit mit dem schweren Rohmaterial, dem Feuer und den gefährlichen Flaschen ist nicht jedermanns Sache, sagt Werthmüller. Komme hinzu, dass sein Atelier unter freiem Himmel sei. «Im Sommer ist das kein Problem, doch bei Minustemperaturen, bei denen man erst den Wasserschlauch enteisen muss, um frühmorgens mit Schweissen loslegen zu können, sei es eine harte Tätigkeit. «Mich beeindruckt, dass sie das packt. Sie könnte es bequemer haben.» Das zeige ihre Leidenschaft für das Handwerk. Ihr komme es entgegen, sagt der gelernte Mechaniker Werthmüller, dass er schon früh bewusst auf die Arbeit mit schweren Maschinen und grossen Objekten verzichtet habe. Aus Sicherheitsgründen: «Denn es werden mehr Künstler von ihren Skulpturen erschlagen, als man meint.» Andererseits müsse man auf seine Gesundheit achten: «Deshalb schauen wir, dass wir hier möglichst nicht schwer heben müssen.» Werthmüller ist einer der wenigen Eisenplastiker im Kanton, die von ihrer Kunst leben. Rund 130 Stücke aus Metall hat er in seiner über 20-jährigen Karriere erschaffen. Damit entspreche er nicht dem Klischee des brotlosen Künstlers, sagt er. Das Vater-Tochter-Künstlerpaar hat viele Projekte im Köcher. Eine Serie von Hundeskulpturen für eine Parkanlage zum Beispiel, so Fankhauser, oder eine gemeinsame Ausstellung. «Das wäre spannend. Aber ich müsste noch einige eigene Objekte herstellen. Zwei reichen nicht», sagt sie und grinst verschmitzt. «Sie hat so viele Ideen, dass ich die Übersicht verloren habe», seufzt Werthmüller und grinst mit. Sie habe als Mädchen in einem harten Männerberuf nie negative Reaktionen erhalten, fährt Fankhauser fort. Vielmehr spüre sie Erstaunen, Neugierde, ja sogar Bewunderung bei ihrem Gegenüber, «sie denken sich wohl: Das ist eine Frau, die vor nichts Angst hat». Sie habe schon immer das Aussergewöhnliche und die Herausforderung gesucht. «Hier kann ich mich selbst sein, hier passe ich rein, hier kann ich mich einbringen, hier werde ich gebraucht», sagt sie.

© Freiburger Nachrichten

17.03.2016

Autor: Fahrettin Calislar (Text) und Corinne Aeberhard (Bilder)


Rezension Dr. Maria Leven, 2015

Additiv baut er Schicht um Schicht behutsam und geduldig, auf seinen Sehsinn vertrauend, unter hohen Temperaturen mit seinen „Pinseln“, den diversen nach Größen sortierten Schweissbrennern, seine Eisenplastiken auf. Unterschiedlich grobe, durch Höhlungen und Buckel hervorgerufene Strukturen der Oberfläche, die interessante Licht-, Farb- und Schatteneffekte erzeugen, machen den aufbauenden Prozess deutlich. Dieses Wissen um das Singuläre/Individuelle bestimmt den kreativen spannenden Arbeitsprozess, in dem sich eine quasi symbiotische Beziehung zwischen Künstler und Werk durch wechselseitige Beeinflussung aufbaut: ausgehend von einer noch diffusen Vorstellung lässt er sich ganz pragmatisch von seiner technisch-handwerklichen Geschicklichkeit im Umgang mit dem schwierigen Medium Eisen leiten. Die Berufsbezeichnung „Eisenplastiker“ beschreibt treffend die kraft- und energiefordernde Tätigkeit des Künstlers, vermag aber nicht das künstlerische Resultat, die unerwartete Ästhetik und Leichtigkeit der meist schwergewichtigen Werke auch nur anzudeuten. Stahlhartes Material verwandelt sich mittels genuiner Sensibilität, die durch zahl- und variationsreiche zeichnerische Figurenstudien verstärkt wurde, zu Objekten voller Anmut und Grazie. David Werthmüllers Faszination für die räumliche, greifbare Präsenz seiner Skulpturen überträgt sich unmittelbar auf den Rezipienten, der sie umschreitend visuell und haptisch, überaus sinnlich, in ihrer Mehransichtigkeit erfahren und zu sich selber in Relation setzen kann. Hauptmotiv seiner Arbeiten ist die Gestalt des Menschen, die abstrahierend körperhaft aufgefasst ist. Archaische Einflüsse, die auf eine Vielzahl kultureller Reisen zurückgehen, sind unverkennbar. So erinnert die extreme Langstreckung bei gleichzeitiger Volumenreduktion seiner Figuren an die etwa 2300 Jahre alte etruskische Votivstatuette „L’Ombra della Sera (langer Abendschatten)“ aus dem etruskischen Museum in Volterra, die intensive ihn immer wieder herausfordernde Auseinandersetzung mit speziell der weiblichen Figur an das tradierte Formenrepertoire zahlreicher älterer Kulturen. Auf seine nicht streng anthropometrisch, sondern im Ausdruck universell, unkonventionell und so zurückgenommen wie möglich geformten Statuen passt das Zitat von Albrecht Dürer: „Gestalt ist also die äußere, in steter Wandlung begriffene Erscheinung des Menschen.“ Das ökonomisch-funktionale Ziel, den hohen Materialverbrauch und das Gewicht der Plastiken zu reduzieren, bewirkt neue, herausfordernde Experimente im Umgang mit dem bevorzugten Werkstoff Eisen. Masken- oder schalenartig gestaltete Köpfe und Torsos oder Figuren mit Hohlräumen entstehen, die neue interessante Ausdrucksvarianten ermöglichen. Das Wesenhafte zu sehen, zu erfassen und zu gestalten bleibt David Werthmüllers Hauptmotivation im „Kampf“ mit dem widerspenstigen Medium Eisen um autonome, singuläre, immer imponierende Arbeiten.

Rezension von Dr. Maria Leven, Kunsthistorikerin, Brühl


Der Eisenflüsterer, München 2014

der eisenflüsterer

Diesen Spitznamen verdankt David Werthmüller (1969) einem Bundestagsabgeordneten, der anlässlich einer Vernissage in München den anwesenden Galeriebesuchern einmal mehr, erfolglos die Herstellung und Einzigartigkeit der ausgestellten Skulpturen zu erklären versuchte.«Dabei ist alles ganz einfach!», meint Werthmüller. Anstatt im gemütlichen Atelier etwas aus Ton oder Gips zu kneten das man dann in Bronze giessen lässt, steht Werthmüller mit dem Schweissbrenner draussen in der Werkstatt und schmelzt das Eisen «auf einen Haufen». Bei genauerem Hinsehen wird dem Betrachter sofort klar, dass es so einfach wohl nicht sein kann. Es stellt sich nämlich die Frage, wie man flüssiges Eisen bei 1538°C, so mir nichts dir nichts, in anmutige Frauenfiguren und Porträt Büsten formt, ohne dabei auf den Trick einer Giessform zurückzugreifen. «Wie schon gesagt, es ist wirklich ganz einfach. Ich schmelze Eisen bis es flüssig wird. Dann schmelze ich weiteres Eisen und füge es dem Ersteren hinzu. Das Schwierige ist bloss, das währenddessen nichts erkaltet. Da eben nur flüssiges Eisen aneinander haften kann.» Ich habe es noch immer nicht verstanden und lasse mich vom Künstler zu einer ”Schweissdarbietung” überreden. Während dieser an seinen Gasflaschen herumhantiert teste ich die geliehene Schweissbrille und sehe nur noch schwarz. Ein kurzer Blick in die Sonne zeigt diese als kleines grüngelbliches Kügelchen am Firmament. Und wie bitte formt man jetzt Skulpturen, wenn man nichts mehr sieht, frage ich mich? Von einer Knallpetarde fast von den Füssen gerissen, zerre ich mir die Schweissbrille vom Kopf und entnehme der Handbewegung des grinsenden Schweissers ein «Sorry, das passiert wenn beim anzünden das Gasgemisch im Brenner explodiert. Trotz jahrelanger Erfahrung treffe ich die richtige Mischung leider noch immer nicht.» Na das beruhigt mich doch sehr. «Ok!» Jetzt scheint alles in Ordnung zu sein. Werthmüller deutet mir, dass ich mich hinter ihn stellen solle. So könne ich besser sehen was er mache ohne dabei von wegfliegenden flüssigen Schlacketeilchen getroffen zu werden?! Werthmüller richtet seine Flamme auf ein längliches Eisenstück das vor ihm auf dem Metalltisch liegt und lässt seinen Brenner mal weiter oben, mal weiter unten über dessen Oberfläche kreisen. Und jetzt offenbart sich erst die unglaubliche Energie, die da aus dem Brenner strömt. Das Eisen wird kurz rotglühend, dann hellgelb, und wenige Sekunden später, begleitet von sprühenden kleinen Funken fliesst es wie Butter in der Pfanne zur Seite weg. Mit der Zange dreht der Künstler nun das Stück einwenig nach oben und das Eisen fliesst wieder in eine andere Richtung. Jetzt kippt er es erneut und die ganze brodelnde Masse fliesst in die andere Ecke. Fertig. Werthmüller meint dazu: «Das flüssige Eisen fliesst immer Richtung Erdmittelpunkt. Also muss ich halt ständig die Lage der Skulptur verändern. Manchmal hänge ich sie sogar auf. Wichtig sind gute Schuhe, die man schnellstens ausziehen kann!» Während ich mir auf das soeben gesagte meinen Reim mache, greift er sich das höllisch heisse Stück mit der Metallzange und hält es unter lautem zischen in die Wassertonne. Und schon reicht er mir das neugeformte Eisen mit blossen Händen herüber. Fantastisch. Ich erkenne die soeben getane Arbeit sofort. Doch das sind bloss zwei Zentimeter! Jetzt wo ich mit eigenen Augen gesehen habe, wie Werthmüller das macht, ahne ich welch unglaubliche Arbeit in solch einer Skulptur steckt. Doch weshalb macht er es sich so schwer frage ich mich? «Jede Arbeit die ich mache ist einzigartig. Das Unikat geht bei mir  über alles. Meine Skulptur muss die Menschen in ihrem Innersten berühren!» Werthmüller findet: «Die Gewissheit zu haben, dass es dieses Werk genau nur einmal auf der ganzen Welt gibt ist doch fantastisch. Zudem wird ein Abguss sofort als Kopie (Fälschung) erkannt. Ich habe mich von Beginn an der Originalplastik verschrieben!» Langsam begreife ich, wie Ernst es ihm damit ist. Wie sonst kann man sich diesen strapaziösen und langwierigen Prozess erklären, den da der Schweizer Eisenplastiker auf sich nimmt? Sein Publikum jedenfalls scheint ihm Recht zu geben. Seit Jahren finden seine Werke Käufer und Sammler im In und Ausland die das genau so sehen. Dies sei auch mit ein Grund weshalb er “nur” noch das mache und seine Lehrtätigkeit als Zeichenlehrer aufgegeben habe. Genau, zeichnen tut er auch noch. Doch dies ist eine andere Geschichte .

Interview, S. Oleson, 2014


Essay, Aufbruch nach Nigeria, 2013

Sahara-1991-David Werthmüller

Wahrscheinlich haben die vielen kulturlastigen Reisen meiner Eltern etwas damit zu tun. Aufgrund meiner Kindheit und späteren Ausbildungen lassen sich jedenfalls kaum verwertbare Indizien finden. Ich hatte das Glück viele, heute kaum mehr zugängliche Kultstätten aus der Stein und Bronzezeit, in unberührter Natur besuchen zu können. Dolmen, Menhire, Nuragen und unzählige Grabstätten, bestimmten die Reiserouten meiner Eltern. Meistens von ungenau verfassten Wegbeschreibungen, unüberwindbaren Sprachbarrieren und Strassen, die hierzulande bestenfalls als Bachbett klassifiziert werden, begleitet. So erlebte ich im Kindesalter Kultur vor allem als Abenteuer. Die Schulzeit brachte mich weder der Kunst, noch dem Zeichnen näher. Allerdings begann mein älterer Bruder, der mir 8 Jahre voraus war, Ur und Frühgeschichte zu studieren. So lauschte ich wohl unfreiwillig den Unterhaltungen am elterlichen Mittagstisch. In einer Zeit, wo mir ein eigenes Mofa wohl als das begehrenswerteste Ding der Welt erschien, kreuzten sich die handwerklichen Versuche meines Bruders und mir im Bastelraum. Da konnte man neben Motorteilen durchaus auf Nachbildungen steinzeitlicher Äxte und Mahlsteine stossen. Wie gesagt verlief mein Leben zu dieser Zeit in einer Parallel-Welt zu Kunst, Geschichte und Kultur. Eine abenteuerliche Reise von Bern, via Algerien, Niger, Nigeria bis Kamerun (Alleine mit meinem Hund quer durch die Sahara) veränderte mich massgeblich. Etliche Jahre später hatte ich den starken Wunsch, mehr über mich und die Welt zu erfahren. Ohne hier ausschweifend zu erzählen, möchte ich diesen Entwicklungsschritt kurz umreissen. Auf der Suche nach meiner mir eigenen Ausdrucksform probierte ich Vieles aus, liess es sein und griff es erneut auf. Nur um es schon Tage später wieder als ungeeignetes Medium beiseite zulegen. Es kam also vor, dass ich nächtens loszog, um mit der selbst gebastelten Camera Obscura Stimmungen einzufangen, frühmorgens zeichnete und nachmittags am Küchentisch Aktfiguren modellierte. Ich besuchte Kurse in Holzschnitt und Lithografie. Und dann zeichnete ich wieder bis zum Umfallen. Manchmal 50 Stück an einem Tag. Ich besuchte Ausstellungen, lernte Künstler kennen und kaufte mir tonnenweise Bücher. So verdichtete sich langsam mein Eindruck, dass wohl die Zeichnung das beste Medium für mich sei. Nur war ich meilenweit von zufrieden stellenden Ergebnissen entfernt. Also beschloss ich mich ausschliesslich der Zeichnung zu widmen. Selber zeichnen lernen halte ich bis heute für eines meiner grössten Abenteuer. Man kann sich keine Vorstellung von meinem verzweifelten Kampf mit mir selbst machen. Sehen! Was sehe ich wirklich? Wahrnehmung? Kann ich selbst meine eigene Wahrnehmung kontrollieren? Es gab dermassen viel zu erforschen und zu entdecken, dass mich nichts anderes mehr interessierte. Ich war besessen. Doch wie man ich zur Skulptur? Obwohl eine Skulptur immer nur von einer Seite angeschaut werden kann, folglich also höchstens Reliefcharakter aufweist, bestimmt unser Wissen um die Dreidimensionalität der Skulptur eben genau dieses. Einfach gesagt nehmen wir einen Kopf von vorne nie als Scheibe wahr. Wir fügen unser Wissen, das ein Kopf ein Volumen hat zu unserem Sehen hinzu! Und das ist es, was ich konstruierte Wirklichkeit nenne.

Ich bin nicht der erste Mensch, dem dies auffällt. Mir geht es um etwas anderes. Beim Zeichnen vermisse ich oft die Möglichkeit, das Dargestellte intensiver zu begreifen. Doch genau dies vermag die Zeichnung nur begrenzt zu leisten. Die Skulptur hingegen kann einen räumlichen Eindruck und den daraus resultierenden Ausdruck im Raum erzeugen. Dies ist der Hauptgrund, weshalb ich Skulpturen erschaffe. Nicht das ich das Zeichnen ausgeschöpft hätte. Im Gegenteil. Ich bin mir bewusst, dass mein zeichnerisches Werk erst am Anfang steht. Doch die Skulptur fasziniert mich zusätzlich auf eine andere Weise. Der Moment wenn aus der fliessenden, glühenden Masse aus Eisen eine Gestalt entsteht, ist unbeschreiblich. Skulpturen kann ich wortwörtlich begreifen. Ich spüre deren Präsenz. Eine Zeichnung oder ein Bild bleibt ein Gegenstand der Illusionen hervorrufen kann. Eben eine Erinnerung oder Fiktion auf Leinwand oder Papier. Skulpturen jedoch, haben existenziellen Charakter. Durch geduldiges fliessen lassen der Materie, gepaart mit roher Gewalt, einer höllischen Hitze, glühendem Eisen-Regen, Dampfwolken, die den Garten verdunkeln und spontanen Knallpetarden, die den Hund ins Haus flüchten lassen, ist ein kostbares Wesen, das womöglich feinfühlige Empfindungen hervorrufen kann, geboren worden. Dies alles entgeht dem Betrachter. Eisen schmilzt sehr unterschiedlich. Erst nach Jahren ist es mir gelungen, die Temperaturen einigermassen im Griff zu haben. Kaltes Eisen leitet die Hitze der Flamme sehr unterschiedlich weiter. Je nach Grösse und Form der bereits geschmolzenen Teile erhitzen sich die Partien extrem unterschiedlich. Entsprechend erfordert es höchste Aufmerksamkeit, um nicht Bereiche wegzuschmelzen die bereits “fertig” sind. Analog dazu wird es mit bereits unterschiedlich erhitztem Eisen natürlich nicht einfacher. Natürlich würde ich gerne betonen, dass ich einen Plan habe. Doch dem ist nicht so. Sicher- eine gewisse Vorstellung hilft sehr. Doch die auftretenden Schwierigkeiten lassen mich oftmals abschweifen. So entsteht eine mögliche Lösung die, zu der sich bereits in Arbeit befindlichen Skulptur gar nicht mehr passt. So komisch das klingt, aber manchmal ändere ich dann die ganze Arbeit. Da kann es vorkommen, dass ich grosse Stücke vollständig weg schweisse und danach neu einarbeite.

-Erst wenn die Disharmonie sichtbar wird weiss ich, wie ich die Harmonie herstellen kann.

-Das Eisen auf einen Haufen zu schmelzen ist die eine Sache. Daraus eine Skulptur zu formen die mich bewegt, eine völlig andere.

-Es gibt Tage da scheint alles verloren. Wenn ich nach 8 Stunden schweissen noch immer nichts brauchbares habe, wenn von der tagsüber entstandenen Skulptur abends bloss noch ein Eisenklumpen übrig geblieben ist, dann bin ich verzweifelt.

-Ich kann keine Kunst machen. Ich kann auch keine Skulptur machen. Was ich aber kann ist daran arbeiten. Und wenn auf einmal etwas Grossartiges entsteht, will ich es mit grosser Demut annehmen.

07/09/2013 David Werthmüller


Galerie Mera Schaffhausen, 2013

Die schöne Dame am Fenster gehört zu den «Skulpturen für die Ewigkeit» von David Werthmüller in der Galerie Mera. Momentaufnahmen in fast übernatürlichen Farben und Skulpturen für die Ewigkeit – unterschiedliche Kunstformen vereint in der Galerie Mera. Die Exponate in der Galerie Mera in Schaffhausen scheinen zunächst recht gegensätzlich zu sein: Fotografien in fast übernatürlichen Farben und Skulpturen aus eisenhartem Material. Doch wer die Ausstellung besucht, wird vermutlich überrascht sein, wie sich beide Kunstformen durch Leichtigkeit, Natürlichkeit, Nachdenklichkeit oder Verspieltheit auf ganz besondere Weise verbinden. «Die Skulpturen von David Werthmüller aus Bern und die Fotografien von Nora Dal Cero aus Schaffhausen laden zum Verweilen ein», erklärte die Galeristin Karin Rabara bei der Vernissage am Freitagabend. Geschmeidig, anmutig, feingliedrig – solche Beschreibungen bringt man vermutlich kaum mit diesem Material in Verbindung: Aus massivem Eisen sind die formschönen Skulpturen von David Werthmüller entstanden, und doch umgibt diese hoch gewachsenen Wesen eine gewisse Leichtigkeit. Leicht ist die Arbeit des Künstlers – rein technisch gesehen – jedoch nicht. Mit dem Gasbrenner bearbeitet er sein Material, doch wer seine Exponate betrachtet, spürt diese Härte keineswegs – ganz im Gegenteil – fast filigran und sanftmütig wirken seine Figuren. Es lohnt sich wirklich, zu verweilen, und die Exponate auf sich wirken zu lassen.

© von Carin Huber / Publiziert am 27.05.2013 / Schaffhauser Nachrichten

Tomas Rabara

Mit dem Gasbrenner ringt er dem Eisen seine Skulpturen ab – die Flamme ist sein Meissel. Schicht um Schicht unter glühender Hitze von Hand um einen massiven Kern herum aufgebaut, ist jede seiner Plastiken ein Unikat.

Dieser einmalige Schaffensprozess mündet in der geradezu physisch spürbaren Präsenz von Werthmüllers Arbeiten. Vor allem aber gelingt es ihm, Wucht mit Grazie zu verschmelzen. Was mag David Werthmüller antreiben, sich tagtäglich stundenlang Temperaturen von 1500 Grad auszusetzen? Es ist das Resultat des Prozesses, einen Urstoff quasi von Hand zu verflüssigen und aus der glühenden Masse ein Wesen entstehen zu lassen – aus Etwas wird Jemand, wie Werthmüller es formuliert. Diese Schöpfung eines Ausdrucks im Raum hat nicht bloss etwas Existentielles – es ist existentiell, mit den Händen zu greifen und für Werthmüller jedes Mal von Neuem ein Grund zu ungläubigem Staunen. Die von Werthmüller in jahrelanger Tüftelei entwickelte Technik lässt gar nichts anderes zu als veritable Einzelstücke, massiv statt hohl, von innen nach aussen gearbeitet statt gegossen und folglich so kein zweites Mal zu erschaffen.

Dieser Wirkung kann sich der Betrachter nur schwerlich entziehen. Selbst wenn er nicht um die Art der Entstehung von Werthmüllers Plastiken weiss, ist deren Kraft bald zu spüren, genauso wie die in Harmonie aufgelöste Spannung zwischen der Schwere des Materials und schwebend anmutender Darstellung, zwischen der zugleich schroffen wie glatten Oberfläche.

Mai 2013 © Tomas Rabara, Galerie Mera Schaffhausen


Galerie Wimmer München, 2012

Der Eisenplastiker, der seit etlichen Jahren in Fräschels in der Schweiz lebt und arbeitet, beschreibt den Schaffensprozess, den er mit jeder seiner Skulpturen durchläuft als einen Kampf, von dem er überzeugt ist, dass dieser wesentlich zur Wirkung seiner Werke beiträgt. Der eher unübliche Weg zum Künstlerdasein von David Werthmüller führte ihn von den abenteuerlichen Reisen mit seinen Eltern zu Kult- und Kulturstätten über eine Phase der exzessiven Selbst- und Ausdrucksformenfindung, einer unter anderem zum Eisen, das er zunächst punktuell erwärmt um ihm dann im Grenzbereich zwischen flüssig und fest Form und Ausdruck zu verleihen. Gerade dieser kräftezehrende, geradezu gewaltsame Weg und die kostbare, beinahe zerbrechliche Gestalt, die daraus resultiert, stellt für David Werthmüller die Faszination dar, die ihn immer wieder diese Strapazen auf sich nehmen lässt. David Werthmüller bestückte bereits zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland. Durch seine besondere Technik schafft Werthmüller Werke, die unabhängig einer kunstgeschichtlichen Orientierung Substanz haben. Ihr spezifisches „für sich“ erhalten seine Figuren aufgrund des Aufbaus und der Bedeutung ihrer Oberflächen, die von innen heraus entstanden sind. Diese sind kein Produkt einer nachträglichen Bearbeitung. Sie sind nicht aufgesetzt, sondern sind genuiner Bestandteil der Figuren, deren individueller Charakter erst im Werkprozess nach und nach zur Entfaltung kam. Gemeinsam ist Werthmüllers Figuren und Booten ihre jeweilige Einzigartigkeit. Im Gegensatz zum Bronzeguss ist bei seiner Arbeitsweise keine Möglichkeit der Vervielfältigung eines einzelnen Werks gegeben.

September 2012 Christine Rettinger, Galerie Wimmer, München

Dem stehen die schroffen und doch filigranen Eisenplastiken des Schweizers David Werthmüller gegenüber. Meist sind es Frauenfiguren, die der Künstler nach und nach aus Eisenstücken aufbaut, die zuvor mit der Gasflamme bei mehr als 1500 Grad geschmolzen und dann wieder zusammengefügt werden. Kein Wunder, dass es in seiner Werkstatt ständig wallet und brodelt und brauset und zischt. In Lebensgröße ist eine hockende Afrikanerin zu sehen, die Hände ausgestreckt, darin ein mit schwarzem Pulver gefülltes Gefäß, das auch ein zweckentfremdeter Stahlhelm sein könnte. Das Motiv der Hockenden kommt in unterschiedlichen Formaten immer wieder vor. Starke Einflüsse afrikanischer Kunst sind erkennbar. David Werthmüller wird 1969 in Bern geboren. Seit 1998 ist er als Eisenplastiker und Zeichner tätig. Er lebt und arbeitet in einem Dorf nahe Bern. Ein Bezug der Arbeiten des Künstlers zum Werk Alberto Giacomettis ist unverkennbar. Die Bronzen des Letzteren sind mit der Hand geformt – was Werthmüller tunlichst unterlässt – und wirken spröder, maskuliner. Werthmüllers Arbeiten sind feminin: Seine Frauengestalten haben trotz der rauhen Haptik schlanke Glieder, ausgeprägt weibliche Formen und elegante, geschmückte Hälse. Im Gegensatz dazu stehen Werthmüllers – teilweise raumgreifende – sichelförmigen Boote mit kleinen, kupferköpfigen Besatzungen. Sie wirken wie Strafgaleeren, deren anonymisierte Ruderer in Richtung Hades steuern. Die gelungene Schau ist in Münchens ältester noch existierender Galerie – gegründet 1825 als Hofkunsthandlung und seit 1869 in demselben Haus – zu sehen. Sonst mehr der Klassik verschrieben schafft die Galeristin Christine Rettinger den Sprung in die Moderne.

Bis zum 15. Oktober 2012 in der Galerie Wimmer, Brienner Str. 7, Mo-Fr. 10-18 Uhr, Sa 10-16 Uhr, Eintritt frei. Zu David Werthmüller gibts einen kleinen, preiswerten Katalog.

Achim Manthey 06.10.2012 (Auszug)


Quo Vadis, 2012
Zeichnung-David-Werthmueller-Pferd-Skizze

Auf der Suche nach einem Privatlehrer für Zeichnungsunterricht stiess ich im Herbst 2009 auf die Zeichnung eines Pferdes. Die wilde, zufällige und dynamische Strichführung, die offensichtliche Suche nach der richtigen Linie und die ehrliche Art alles, auch die gesuchten und verfehlten Linien im Endresultat zu zeigen, faszinierte mich sofort. Dass ein herausragender Künstler den Willen aufbringt, sein Können und Wissen weiterzugeben, ist selten genug. Aber von einem solchen unterrichtet und mit hervorragender Didaktik und Methodik zu eigenen Höchstleistungen angespornt zu werden, ist ein Glücksfall. Bereichernde, philosophische und kritische Diskussionen über Weltanschauung, Gesellschaft, Wertewandel, Moral und Ethik vermittelten mir den Eindruck, dass es in seinem Denken und Handeln wenig gibt, was er nicht hinterfragt oder analysiert. Den Mut und der konstante Wille Neues auszuprobieren, dabei zu scheitern und von Neuem zu beginnen, verkommt bei David Wertmüller nicht zur Floskel sondern ist tagtägliches, erbittertes Ringen um noch bessere Kunst.Besucht man Werthmüller zu Hause im Freiburger Seebezirk, erlebt man ein Wohnambiente jenseits des Schweizer Bauperfektionismus. Das Schwedenhaus welches er mit seiner Frau Silvia erworben und renoviert hat, strahlt Kreativität und Wohlbefinden aus. Speziell der Garten ist herrlich naturbelassen und scheinbar zufällig und wild angeordnet. Naturbeobachtungen von Fauna und Flora direkt von seinem Atelier aus, sind ohne weiteres möglich. Er sieht sich durch den Besitz eines eigenen Ateliers durchaus privilegiert. Sein Schweissplatz im Garten ist ein einfacher Unterstand mit Kiesboden. Der raue Untergrund und die langen Arbeitszeiten, nicht selten von früh morgens bis spät abends, kosten ihn nicht nur viel Kraft und Hingabe, sondern auch jedes Jahr im Minimum ein Paar neue SUVA-Schuhe.Die Frage nach dem „quo vadis“ beantwortet Werthmüller heute so: „Eigentlich würde ich meine Arbeiten am liebsten für mich behalten. Es geht mir nicht primär darum viel Geld zu verdienen, sondern darum, für meine Kunst eine adäquate Plattform zu finden und einen entsprechenden Gegenwert zu erhalten.“ Diesen Weg geht er gemeinsam mit ein paar handverlesenen Galerien. Eine wichtige Rolle spielt seine Ehefrau Silvia. So hat sie schon öfters Werke vor der sicheren Zerstörung durch den impulsiven Künstler gerettet. Ihre Begeisterung und ihr Lob geben ihm die Kraft, ungestört und konsequent an seinem Werk zu arbeiten. Was sich Werthmüller bei allem „Suchen nach der richtigen Linie“ immer bewahrt hat, ist seine Bodenständigkeit und Ehrlichkeit. Ich freue mich schon heute auf weitere spannende Begegnungen und Gespräche mit David Werthmüller.

August 2012 Ernst „ Aschy “ Balmer


Galerie Christine Brügger Bern, 2012

Der Berner Skulpteur David Werthmüller fährt hartes Geschütz auf. Vor der Galerie Christine Brügger, in der er zurzeit ausstellt, demonstriert er der Schreiberin spontan, wie seine Eisenfiguren und Objekte entstehen. Ausgestattet ist er mit einem Brenner, mit hochexplosiven Gasflaschen und mehreren Stücken Eisen. Und dann geht es an die Arbeit, bis die Funken nur so sprühen. Auf den ersten Blick erinnern Werthmüller’s schlanke Gestalten an die existenziellen Figuren Alberto Giacomettis. Tatsächlich geht der 1969 in Bern geborene Künstler technisch und formal aber ganz anders vor als der grosse Bündner Surrealist. Statt seine Skulpturen in Ton zu modellieren und anschliessend giessen zu lassen, setzt er auf massive Unikate, die in harter Arbeit geschweisst werden – so wie hier unter den Berner Lauben. Die Liebe zu seinem Arbeitsmaterial entdeckte Werthmüller schon in der Kindheit, als er mit den Eltern viele Kultstätten aus der Stein- und Bronzezeit besuchte. Auch die afrikanische Kultur hat den Künstler, der in den Neunzigerjahren eine Zeit lang in Nigeria lebte, inspiriert – was vor allem bei seinen anmutigen Frauenfiguren ersichtlich ist. Ein anderes wiederkehrendes Motiv des Künstlers ist das Schiff, das für ihn einen starken symbolischen Charakter aufweist: «Wir sind alle auf derDurchreise», erläutert er die Idee hinter einem formschönen Eisenobjekt, das nun in der Galerie Christine Brügger das ganze Schaufenster ausfüllt. Wie viel Schweiss es ihn gekostet hat, die unzähligen kleinen Menschen, die sich bei genauem Hinsehen auf dem Boot tummeln, mit dem Brenner herauszuarbeiten, kann man nur ahnen. Nur so viel verrät der bekennende Pyromane: «Die Flamme ist gewissermassen mein Meissel.» Was ihn daran so fasziniert? «Wenn das Werk fertig ist, erinnert nichts den Betrachter an meinen quälenden Kampf mit dem flüssigen, heissen Eisen.» Es ist ein Kampf mit der höllischen Hitze, mit glühendem Eisenregen, mit Dampfwolken, die den Garten verdunkeln, oder mit spontanen Knallpetarden, die schon mal den Hund des Künstlers ins Haus flüchten lassen. Dem gegenüber steht die Ruhe, wenn Werthmüller die weiche Materie fliessen lässt.

© Helen Lagger, Berner Zeitung BZ  1. März 2012

Massive Unikate, 2008

Die von Hand geschweissten Eisenskulpturen sind massive Unikate. Die Hingabe des Künstlers zu seiner Arbeit und das Suchen nach der Vollkommenheit lassen die Skulpturen als persönlich geprägte, aussagekräftige und lebendige Werke auf die Betrachter wirken. Werthmüller drückt in seinem Werk ein humanitäres Grundprinzip in zeitloser Form mit zeitgemässen Materialien aus. Erworbene Kenntnisse helfen ihm, neben grosser Begabung und der Affinität für Ästhetik, Sinn, Form und Material zu verbinden. Keinem Original verpflichtet, sondern einzig seiner Fantasie und den gestalterischen Ideen, gelingt es ihm, «schlichter Schönheit» Form zu verleihen.

smo, 2008

Kleinode, 2004

Wer von der Fun- und Spassgesellschaft noch nicht erschlagen worden ist, läuft grosse Gefahr sich in diese Kleinode des Nicht-Sensationellen zu verlieben. David Werthmüller erschafft in seinem Freiluftatelier auf dem Lande bei Bern ein exotisch anmutendes Völkchen. Es sind kleinere und lebensgrosse, figürliche Skulpturen, die zeitlos und unberührt von der Hektik der Menschen die Welt bevölkern. Mit grossem handwerklichen Geschick verhilft er den kleinen Geschöpfen aus Eisen zu ihrem Dasein.

futuro Sept. 2004 Internationale Kunstzeitschrift

Aufenthalt in Nigeria, 2004

Ein längerer Aufenthalt in Afrika hat David Werthmüller geprägt, und auch ohne dieses Vorwissen mögen seine Figuren charakteristisch für den schwarzen Kontinent erscheinen, wo man immer wieder solche hochaufragenden schlanken Gestalten in der Landschaft stehen sieht. Es sind Hirten mit ihrem Stab, oder Jäger mit ihrem Speer, wobei diese Attribute die Dynamik der Vertikalen akzentuieren, die ihrerseits mit der inneren Ruhe dieser Menschen kontrastiert. Nun, man muss sich natürlich bei der Interpretation solcher afrikanischen Skulpturen sehr davor hüten, in wohlfeile Klischees zu verfallen. Schliesslich handelt es sich bei ihnen nicht um eine reproduzierte, sondern um eine neu geschaffene Wirklichkeit, um Spiegelungen unserer eigenen Existenz, wie sie ist oder wie wir sie uns wünschten, in diesem Gleichgewicht zwischen Ruhe und Bewegung wie ausserhalb der Zeit stehend.

Dr. phil. Martin Kraft 02.09. 2004

Interview, 2004

Immer und immer wieder trägt Werthmüller Schichten von flüssigem Eisen, Kupfer und Legierungen auf. So entstehen vielfältige spontane Figuren. „Mit dem Druck und der hohen Temperatur der Flamme aus dem Schweissgerät zu ‚jonglieren’ und herum zu fabulieren ist etwas, was mich ungeheuer fasziniert und mich wie in einer anderen Welt tätig sein lässt“, erklärt der zielstrebige Plastiker, der vor seinen künstlerischen Tätigkeiten unter anderem als Zeichenlehrer, Sahara-Durchquerer, Abenteurer und moderner „Nomade“ tätig war. Ausstellung vorbereiten: „Ich verschwende keine Minute mit Gedanken an Menschen und Situationen die ich nicht mag“ oder „Anstatt auf alles mit dem gleichen Muster zu reagieren, konzentriere ich mich mit Elan auf das, was ich in Zukunft erleben möchte“. Das sind zwei bemerkenswerte Leitsätze aus der philosophischen Denkweise von David Werthmüller der momentan, zusammen mit seinem malenden, älteren Bruder Stefan, eine Ausstellung in der Galerie für zeitgenössische Kunst „Die Halle“ (Langnau am Albis) vorbereitet. Hier ging bereits vor drei Jahren eine viel beachtete Gruppen-Ausstellung in Szene. Einzel-Ausstellungen bestritt der Freiheit liebende D.U.W. vor vier Jahren im Historischen Museum Bern („Skulpturen im Park“) und im Bundesamt für Flüchtlinge in Wabern. Höchstmass an Ausdruck: „Gewisse Elemente, wie der angedeutete Schmuck und die Körperhaltung, erinnern an Bilder aus Afrika“, schreibt „Der Bund“ in einer Abhandlung über die ausdrucksstarken Skulpturen Werthmüllers in einer Berner Galerie. Und: „Dies sollte jedoch die Werke nicht aufs Exotische reduzieren; vielmehr haben sie eine fast archaisch anmutende Allgemeingültigkeit. Der Glaube an die Würde des Menschen findet in ihnen einen sprechenden Ausdruck.“ Ob kleinformatig – wenige Zentimeter – oder lebensgross: Stets verhilft der Künstler seinen auf den ersten Blick simplen Figuren zu einem Höchstmass an Ausdruck.

Peter Tschanz 2004

Galerie Ramseyer & Kaelin Bern, 2002

Die Skulpturen von David Werthmüller haben eine raumgreifende Präsenz. Inhalt der Arbeiten ist (fast) immer der Mensch. Bereits in früheren, kleinformatigen Eisenplastiken findet der Künstler durch Vereinfachung der menschlichen Gestalt zu einem Höchstmass an Ausdruck.

Die vielfarbige Behandlung der Oberflächen steigert sich in den Skulpturen aus Kupferblech dank raffinierter Emailtechnik zu einer Gesamtwirkung von erlesener Kostbarkeit. In Kombination mit dem stolzen Charisma der Haltung ist man versucht, auf diese Werke das Attribut königlich anzuwenden. Gewisse Elemente, wie der angedeutete Schmuck und die Körperhaltung, erinnern an Bilder aus Afrika. Dies sollte jedoch die Werke nicht auf’s Exotische reduzieren; vielmahr haben sie eine fast archaisch anmutende Allgemeingültigkeit. Der Glaube an die Würde des Menschen findet in ihnen einen sprechenden Ausdruck. Es kann daher nicht überraschen, dass das Bundesamt für Flüchtlinge in Wabern im Jahr 2000 den Künstler zu einer Einzelausstellung eingeladen hat. Werthmüller drückt in seinem Werk ein humanitäres Grundprinzip in zeitloser Form mit zeitgemässen Materialien aus.

usb. Zeitung “Der Bund ” vom 16. März 2002

Galerie Die Halle, Langenau am Albis, 2001

Die Galerie Die Halle in Langnau am Albis zeigt vom 9. Juni bis am 14. Juli 2001 Skulpturen und Bilder in Öl von David und Stefan Werthmüller. Die beiden Brüder, der eine Maler, der andere Plastiker, arbeiten im gemeinsamen geräumigen Atelier in Thun. So entstehen im Laufe der Jahre im gleichen Raum zwei unterschiedliche Lebenswerke und es ist interessant, die gegenseitige Beeinflussung zu beobachten. Welche Themen beschäftigen die beiden Künstler? Keine leichte Frage, lassen sie doch zugunsten einer grossen Assoziationsfreiheit illustrative Elemente weitgehend weg. Und doch ist figürlich Anmutendes offensichtlich. In den Ölbildern von Stefan Werthmüller sind es die antropomorphen Farbflecken. In den lebensgrossen Figuren, vor allem aber in den kleinen Metallplastiken von David Werthmüller wird der Betrachter an seine Wahrnehmung von menschlichen Gestalten in grosserer Entfernung erinnert. Details sind noch nicht zu erkennen, nur der Umriss lässt das Wahrgenommene einer menschlichen Erscheinung zuordnen. David Werthmüller holt diese “Gestalten am Horizont ” in die Nähe, lässt ihnen aber ihre Kleinheit und widmet sich formal ganz der künstlerisch reichhaltigen Bearbeitung der Figurenoberfläche.

Eine Reichhaltigkeit übrigens, die auch in den Bildern seines Bruders zu finden ist. Ein Universum an bezaubernden Formen und nuancierten Farbstrukturen. das sich da auf den phantastischen Bildoberflächen tumelt. Eine lockere Aufforderung, immer und immer wieder Augen und Seele ganz nahe in diesen felsig verwitterten Zaubergärten spazieren zu lassen, vom Alltag wegzutreten und mit weit geöffneten Sinnen sich diesem malerischen Reichtum hinzugeben.

Magazin “Accrochache” vom Juni 2001